Man nehme einen amerikanischen Harpspieler und Sänger, setze dessen Namen plus ein"&" vor den eigenen Bandnamen und schon kommt der Erfolg. So einfach ist das! Zu einfach .....
Memo Gonzalez & The Bluescasters
Es läßt sich zwar nicht bestreiten, daß sich die Bluescasters erst durch die texanische Verstärkung und nach Änderung des Bandnamens auf Memo Gonzalez & The Bluescasters in die erste Liga der deutschen Bluescombos spielten, doch diesen Erfolg allein auf Memo's Mitwirken reduzieren zu wollen, wäre falsch. "Also so schlecht waren wir früher nun auch wieder nicht", wirft Gitarrist Kai Strauß berechtigt ein. Immerhin gingen aus den Bluescasters Musiker hervor, die in der deutschen Szene Mittlerweile recht bekannt sind. Strauß ist das letzte verbliebene Gründungsmitglied, Frank Muschalle (piano), Tommy Schneller (sax), Thomas Feldmann (sax) und Peter Sahlmann (dr) sind nur einige Namen, die bei den 1989 und ursprünglich als Trio gegründeten Bluescasters Station machten. Ein Tondokument aus der Zeit ohne Memo Gonzalez existiert sogar. Allerdings ist diese CD längst vergriffen.
Eine ganz andere CD spielte beim Zustandekommen der deutsch-türkisch-amerikanischen Kooperation (Bassist Erkan Özdemir ist gläubiger Moslem) eine wichtige Rolle. "Wir haben 1994 auf der Fahrt zu einem Auftritt den Harpsampler "Texas Harmonica Rumble" im Auto gehört. Neben Paul Orta, Gary Primich und anderen ist darauf auch Memo (live im Antone's von Austin, Anm. d. Red.) vertreten. Wir hatten ohnehin darüber nachgedacht, einmal mit einem amerikanischen Musiker auf Tour zu gehen", erklärt Özdemir. Zur Kontaktaufnahme riefen die Bluescasters seinerzeit die Auskunft an und baten um die Nummer eines "Mr. Gonzalez aus Dallas", was die freundliche Dame vom Amt angesichts einiger Hundert Gonzalez in Dallas fast um den Verstand brachte. Erst über Umwege in Form eines befreundeten Musikers aus Austin kam dann endlich der ersehnte Kontakt mit Memo zustande und Özdemir buchte binnen kürzester Zeit eine komplette sechswöchige Tournee mit Memo Gonzalez & The Bluescasters in Deutschland und Benelux. Einen dieser Gigs im Jahre 1995 nutze die Combo zur Einspielung der live-CD mit dem zungenbrecherischen Namen "Let's All Get Drunk And Get Tattooed" (Stumble).
Der Erfolg der live-Konzerte gab aber letztendlich den Ausschlag, daß Memo's Gastspiel bei den Bluescasters keine (sechswöchige) Eintagsfliege blieb. "Ich kam mit den Jungs sofort gut klar, die Tour war ausgebucht. Was lag also näher, als für weitere Tourneen nach Deutschland zu kommen", so Memo. Vier weitere Male nahm der schwergewichtige Texaner die Strapazen des Atlantikfluges auf sich, bis er sich dann im März 1997 entschloß, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Es gab aber auch noch weitere Gründe, die Memo's Umzug versüßten. Kaum vorstellbar für den regengeplagten Nordeuropäer: Herr Gonzalez liebt das kühle Klima in Deutschland. "In Texas ist es heiß und schwül, da fühle ich mich hier bedeutend wohler. Zudem mag ich die leckere deutsche Küche, die Menschen sind freundlich und außerdem kann ich hier weitaus besser von der Musik leben, als in Dallas". So ganz nebenbei fand Memo in Deutschland auch seine große Liebe, die Hochzeit wurde im Juni gefeiert.
Also doch kein "Lone Wolf", wie er auf der ersten CD mit den Bluescasters und regelmäßig live so schön aggressiv singt. Im Gegensatz zu den energiegeladenen Live-Shows wirkt Memo beim Interview eher wie ein gemütlicher Bär. Mit Baseballkappe steht er am Fenster, bestaunt die mittelalterliche Burg Altena auf der gegenüberliegenden Bergseite, fischt gezielt die leckersten Plätzchen (die mit der Schokolade obendrauf) aus der Keksdose und döst zwischen Spaghetti Bolognaise und dem Auftritt im Iserlohner Jazzclub Henkelmann erst einmal ein halbes Stündchen auf der Couch. Erkan Özdemir, Kai Strauß und Ralf Nackowitsch kennen das. Sie vergnügen sich derweil mit Blues-Videos.
Vorher, beim Interview, räumte Memo mit einem kleinen Irrtum auf. Regelmäßig wird ihm eine rein mexikanische Abstammung unterstellt, was durch seinen Familiennamen und sein Bühnenoutfit allerdings verständlich ist, "Ich bin in Dallas, Texas, geboren und aufgewachsen. Die Familie meines Vaters stammt von Cherokee-Indianers aus Texas ab. Mein Vater wiederum hat in Mexiko gelebt und die Familie meiner Mutter stammt aus Ungarn und kam vor der texanischen Revolution nach Amerika". Aha, eine typische Blues-Musikerfamilie waren die Gonzalez somit nicht. "Ein Cousin von mir hat in der Band von Trini Lopez gespielt. Dies allerdings zu einer Zeit, wo Trini in Dallas lebte und noch nicht bekannt war. Ich kam durch meine Geschwister zur Musik."
Da war Memo gerade sechs Jahre alt und beschäftigte sich mit Piano, Trompete und klassischer Musik. Erst als die Familie Gonzalez von West Dallas in die Low Field Area beim Flughafen umzog, kam klein Memo auf den Bluestrip. "Wir lebten in einer Gegend mit vielen weißen Nachbarn. Die hörten viel Rock'n'Roll. Ich bin aber immer zum Spielen auf die andere Seite des Flughafens in das Viertel deer Schwarzen gegangen. Abends saß ich dann oft bei den Familien meiner Spielkameraden und hörte Jimmy Reed, Elmore James, Muddy Waters und was damals noch so alles angesagt war".
Doch so richtig gezündet hatte der Blues-Funke bei Memo da noch nicht. Es dauerte zwar nicht lange, bis er in die erste Band einstieg, doch Blues stand nicht auf dem Programm. "Heute wird ja viel unter dem Oberbegriff Blues zusammengefaßt. Ich habe damals sehr viel Soul gespielt. Auch Funk. Ich liebe Funk und Soul. Aretha Franklin zum Beispiel. Du weißt schon was ich meine. Gespielt habe ich in verschiedenen Bands, an der Highschool zum Beispiel, oder mit Freunden. Hauptsache es gab ein paar Dollar zu verdienen. Ich habe auch mexikanische Musik gemacht und in Marching Bands gespielt. Das war cool."
Zurück zum Blues fand Memo Ende der 70er Jahre. Das Harmonikaspiel brachte er sich dabei weitgehendst selbst bei. Hash Brown, mit dem er die Band "Weebads" gründete, zeigte ihm einige Tricks und Kniffe. Was wohl nur Musikern auffallen wird: Memo spielt die Harp falsch herum, hat also die unteren Tonreihe oben. Egal, es hört sich trotzdem klasse an. Beeinflußt wurde er von Charlie Musselwhite, James Jotton und später, als er sich immer mehr für traditionellen Blues interessierte, auch von Little Walter.
Autodidakt ist auch Kai Strauß. Zudem ist er seit frühester Jugend ein Plattennarr. "Ich habe inzwischen alles mögliche gesammelt, nicht nur Blues". Zur Gitarre griff er mit 11 Jahren, "das hatte aber noch nichts mit Blues zu tun". Begeistern konnte sich Strauß zunächst für den Rock'n'Roll von Elvis Presley und Chuck Berry. "Zum Blues kam ich eigentlich erst durch Stevie Ray Vaughan. Da gab es 1984 oder 1985 den Lohreley Fernsehmitschnitt. Das hat mir gehörig imponiert. Auf den Plattencovern habe ich dann die ganzen anderen Namen gelesen und kam über Jimmy Vaughan zu den Fabulous Thunderbirds. Die wiederum spielten ja auch einige ältere Bluesstücke und so kam eins zum andern". Bei richtigen Vorbildern paßt er jedoch. "Die gibt es eigentlich nicht. Ich versuche, möglichst vielseitig zu spielen und höre mir daher auch verschiedene Stilistiken an. Eine Zeitlang habe ich versucht, wie Ronnie Earl zu klingen. Doch dann sagten alle, hey, der spielt ja wie Ronnie Earl. Das wollte ich dann auch wieder nicht."
Perfekt wird das multikulturelle Unternehmen eigentlich erst durch Erkan Özdemir. Der in der Türkei geborene Bassist wuchs mit der Musik seines Heimatlandes auf. "Ich fand das immer ganz cool und kam erst spät durch eine Eddie Taylor Platte und durch Freunde zum Blues. Daß ich Baß spiele hat eigentlich einen ganz einfachen Grund. Gitarristen gibt es ja nun mal genug. Ich habe mich für den Baß entschieden, weil ich damit relativ sicher Jobs in den Bands bekomen konnte".
Ralf Nackowitsch kam vor fünf Jahren ins Boot. "Ich habe schon vorher häufig bei den Bluescasters ausgeholfen, wenn der etatmäßige Schlagzeuger andere Jobs hatte. Seit 1995 bin ich fest dabei". Nackowitsch verfügt als einziges Mitglied der Band über eine musikalische Ausbildung, kann auf ein abgeschlossenes Schlagzeugstudium im Bereich Jazz und Popular-Musik verweisen und unterrichtet an Volkshochschulen. Vermutlich werden sich einige Schüpler von Ralf angesichts dessen spartanisch möbilierten Arbeitsplatzes auf der Bühne ungläubig die Augen reiben. "Ich nehme nur das mit, was ich brauche, wozu soll ich mich unnotig abschleppen", schmunzelt der Herr über Snare und Baßdrum.
Seit rund einem Jahr nicht mehr dabei ist Saxophonist Thomas Feldmann. Erkan Özdemir: "Wir haben das total bedauert. Thomas ist ein hervorragender Saxophonist sowie Harpspieler und hat den Sound der Band wesentlich mitgeprägt. Leider gab es zeitliche Probleme. Einerseits haben wir 100 bis 120 Auftritte im Jahr und sind somit oft mehrere Tage am Stück auf Tour. Thomas wiederum studiert und konnte dies mit den Bandjobs nicht unter einen Hut bringen. So kam es zwangsläufig zur Trennung". Die Musik der Band hat sich dadurch ein kleinwenig verändert. Kai Strauß: "Wir spielen etwas härteren Blues, aber auf keinen Fall Blues Rock" . Durch Memo's Umzug nach Deutschland ist die komplette Band mehr an den neuen Songs beteiligt. Für die live-CD von 1996 griff man in erster Linie auf vorhandenes Gonzalez-Material und Cover zurück, inzwischen entstehen viele Stücke gemeinsam. "Memo hat meistens die Ideen und Texte, kommt damit zu mir und ich bringe dann weitere Ideen ein. Mit der kompletten Band wird dann alles verfeinert".
Memo entwickelt dabei ein Talent zur geschickten Umschreibung recht deftiger Worte. Der Song "Who Do You Do" auf der neuen CD "10.000 Miles" (Stumble) enthält die Passage "who do you do when I'm not around" und bedeutet nichts anderes als "mit wem treibst du es, wenn ich nicht zu Hause bin?". Kai Strauß hingegen ist kein Mann der großen Worte und läßt lieber seine Gitarre sprechen. Die Instrumentalnummer "Wiggle Toes", auch auf "10.000 Miles" zu bestaunen, schrieb er sich quasi selbst auf den Leib. In bester West-Coast-Tradition legt Strauß hier ein Gitarrenfeuerwerk hin, das vom Mighty Flyers-Gitarristen Rick Holmstrom stammen könnte. Vielleicht ist gerade das das Erfolgsgeheimnis der Bluescasters: Auf der einen Seite der rauhe Texas Blues eines Memo Gonzalez und daneben die filigrane in Richtung West Coast Blues tendierende Gitarre von Kai Strauß. Augenscheinlich mühelos halten Erkan Özdemir und Ralf Nackowitsch die beiden in Schach und legen zudem einen außerordentlich groovenden Klangteppich.
Eine nicht unwichtige Rolle spielt bei den Bluescasters die Szenekneipe "Pink Piano" in Osnabrück. Kai Strauß: "Mit der Band an sich hat das nichts zu tun. Allerdings haben wir uns durch das Pink Piano und durch die Sessions dort kennengelernt." Selbst Memo ist von den Jams dort restlos begeistert: "Solche Jams sind unheimlich wichtig. In Dallas gibt es von Sonntags bis Donnerstags Sessions. Die Musiker treffen sich und jeder kann sich beim anderen etwas abschauen. So ist das auch im Pink Piano. Die Musiker, die dort spielen haben echt Klasse. Ich kann jedem nur empfehlen, dort mal bei einer Session vorbeizuschauen".
Doch zurück zum Bandnamen. Kommt der Erfolg mit einem amerikanischen Frontman und dem "USA" in Klammern dahinter von allein? "Sicherlich nicht", so Özdemir, "in erster Linie muß man touren, touren, touren". Davon können die Bluescasters ein Lied singen. Nicht von ungefähr heißt ihre neue CD "10.000 Miles". So um die 130 Konzerte spielt das Quartett pro Jahr. "Wir könnten zwar noch öfter auftreten doch die Gage muß natürlich stimmen". Verständlich, denn alle Vier sind Profimusiker und verstehen sich auch als solche. So winkten Sie bei der Frage nach einem leckeren Sauerländer Pils gleich ab. Kai Strauß: "Die Leute zahlen gutes Geld für unseren Auftritt. Daher sollen sie auch eine gute Show zu sehen bekommen. Alkohol vor dem Konzert gibt es bei uns nicht".
Inzwischen treten Memo Gonzalez & The Bluescasters immer häufiger im benachbarten Ausland auf. In Clubs und auf Festivals sind sie gern gesehener Stammgast. Offensichtlich hat man dabei gerade in Holland und Belgien wenig Probleme mit der Etikette "Blues aus Deutschland". Der CD-Verkauf in Benelux läuft prächtig und das belgische Bluesmagazin "Back To The Roots" widmete den Bluescasters eine mehrseitige Story mit Interview.
Text, Interview
& Fotos: Dirk Förs.
Blues News Magazin