Du kannst noch genug rumliegen wenn du tot bist!


Knapp drei Jahre brauchten Memo Gonzalez, schwergewichtiger Harpspieler und Sänger aus Dallas/Texas, und The Bluescasters, um ihrem Livedebüt ein Studioalbum folgen zu lassen.

In der Zwischenzeit riss man ordentlich was Kilometer ab und tourte sich den Wolf. Von daher auch der Titel des erten Studioalbums des krachenden Quartetts: 10.000 Miles. Besonders in Belgien und Holland war die energetische Kombo auf nahezu jedem Festival ein gerngesehener Gast, aber auch die Schweiz und Skandinavien schlossen die Entertainer reinsten Wassers ins Herz. Gespannt durfte man nun wahrlich sein, ob der mexikostämmige Gründer der Weebads (mit Hash Brown und Felix Reyes) und seine zur absoluten Spitze der europäischen Bluesgilde gehörende Kapelle in der Lage sein würden, ihre Liveenergie auch im Studio umzusetzen. Und siehe da: es hat funktioniert. 10.000 Miles ist ein variables, toll klingendes, kompaktes Bluesalbum geworden, das Freude macht. Stilistisch bewegt sich Memo Gonzalez zwischen texanischem Shuffle-Stoff, Westcoast-Swing, einer satten Portion Chicago-Blues und einem Happen Louisiana (wir erinnern uns gerne: auf der Livescheibe bezeichnet er dieses Gebiet als "östlichen Teil von Texas").

Gonzalez schreibt sein Material fast ausschließlich selbst und hat im Gitarristen Kai Strauss einen hervorragenden Ko-Autoren gefunden. Überhaupt gilt Kai Strauss Kennern als einer der innovativsten, "schrägsten" Gitarristen Europas, der seine Vorbilder unter Leuten wie Junior Watson oder RickHolmstrom findet. Sein Instrumental Wiggle Toes als Abschluß der Scheibe ist eine feine Westcoast Swing-Nummer, auf der Strauss seiner Phantasie freien Lauf läßt und dennoch die große Kunst des Gitarrespiels vorführt: er kann auch Pausen spielen und Organist Roel Spanjers (der u.a. eine feste Größe in der von Jan Mittendorp geleiteten holländischen Backingband für das belgische Black & Tan-Label ist - u.a. Veröffentlichungen von Percy Strother und Roscoe Chenier) Raum geben. Erkan Özdemir (Bass) und Ralf Nackowitsch (Schlagzeug) bilden eine der kompaktesten, kompetentesten europäischen Rhythmusgruppen und so verwundert das Ergebnis in keinster Weis. Im Laufe der letzten drei Jahre haben Memo und seine Jungs nahezu permanent live gespielt. Das führte dann Mitte 1998 dazu, daß Saxofonist Thomas Feldmann seinen Abschied als festes Bandmitglied nahm. Die Zeitspannen der Abwesenheit vom häuslichen Herd wurden einfach zu lang. Da man sich aber weiterhin freundschaftlich verbunden ist, tritt Feldmann auf 10.000 Miles als Gastmusiker in Erscheinung und bildet mit Geraldo Giancaldo ein pfiffiges, swingendes Bläserduo. Die Bluescasters haben also mit Feldmann, Giancaldo und Spanjers dafür gesorgt, daß die Instrumentierung für Memo Gonzalez rundum gelungen und begeisternd ist. Thematisch beschäftigt sich Big Memo mitThemen, die ihn persönlich interessieren. Natürlich kommt dabei die Liebe häufig in unterschidlichster Form vor.

Gonzalez läßt es auch gerne mal schlüpfrig werden und versteckt sich nicht hinter Andeutungen. Who Do You Do (when I'm not around)? z.B. bedeutet nichts anderes als die vielleicht berechtigte Frage "Wen legst Du flach, wenn ich unterwegs bin?". Allen antriebsarmen Faulpelzen gibt er seiner Aufforderung, aus dem Bett zu springen um loszulegen, die kleine Erkenntnis mit:"There's always time to lay around after you are dead.". So geht's: direkt, unverblümt und auch auf einer Studioscheibe so dampfend und treibend wie live. Und eine Erklärung, warum man als Junge vom Lande zum gemeinen Kerl werden kann, liefert er in dem rollenden Song The Pressure Of The City gleich mit:"Wenn du den ganzen Kram siehst, der dir in der Stadt um die Ohren gehauen wird, dann stumpfst du ganz selbstverständlich ab." Überhaupt darf man nicht dem Irrtum verfallen, Gonzalez sei ob seiner einfachen Themenwahl ein simpler Geselle. Spät, aber nicht zu spät erkannte er, daß die von der Familie vermittelte Sichtweise, einen Job haben zu müssen um auf der sicheren Seite zu sein, nicht sein Ding ist. Er entschloß sich, Berufsmusiker zu werden. "Reich werde ich dabei nicht, aber ich bin glücklich" sagte er. Gonzalez ist einer der US-Bluesmusiker, die sich den Blick für die Realität bewahrt haben, aber nicht ins Lamentieren geraten. Sondern die die für sich persönlich relevanten Dinge thematisieren und daran gehen, sie umzusetzen. Auf 10.000 Miles ist das aufs Trefflichste zu hören und so ist diese SCheibe eine spannende, Freude machende Platte geworden, die der Bluesfreund im Regal haben sollte. Hk